Digitaler Wandel: ☹ oder ☺?

Die Versicherung HDI hat kürzlich in ihrer alljährlichen „Berufe-Studie“ herausgefunden, dass sechs von zehn Berufstätigen in Deutschland die Digitalisierung generell als Bedrohung von Jobs empfinden. Auf der anderen Seite fürchtet nur jeder fünfte Befragte um seinen persönlichen Arbeitsplatz. Persönliches Erleben und subjektives Empfinden variieren offenbar deutlich. Zumal: 44 % der Studienteilnehmer betrachten digitalen Wandel als hilfreich, während lediglich 25 % ihn als Belastung empfinden.

Multitasking – effizienzsteigernd oder hirnverbrannt?

Mit den Möglichkeiten des digitalen Wandels und den Perspektiven, die er eröffnet, hat sich die Arbeitswelt verändert. Schon allein die E-Mail hat Kommunikation so sehr vereinfacht, dass eine Welt ohne sie heute schlicht undenkbar ist.
Aber auch die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen und verarbeiten hat sich weiterentwickelt. Mit der Geschwindigkeit der Kommunikation wuchs der Anspruch an Erreichbarkeit und Antwortzeit. E-Mails, soziale Medien, Internet etc. tragen eine solche Flut von Informationen an uns heran, dass ihrer Herr zu werden, ein Ding der Unmöglichkeit scheint.
Wir stehen damit heute fortwährend vor der Herausforderung, einer Vielzahl von Reizen gleichzeitig ausgesetzt zu sein und oftmals mehrere Aufgaben zur gleichen Zeit erledigen zu müssen. Gerade jetzt zum Beispiel: „ Slogan für eine Anzeige Kunde X“, „ E-Mails beantworten“, „Recherche für einen Blogartikel zum Thema Digitalisierung“, „Präsentation Kunde Y in English“ und anderes … alles parallel.
Klar, für meinen Rechner kein Problem. Jede Aufgabe hat sein Fenster und damit seinen Raum. Doch was macht Multitasking mit uns? Geht Multitasking überhaupt?

Was sagt die Forschung?

Die Forschung gibt eine klare Antwort: die Teilung der Aufmerksamkeit ist keine optimale Lösung – um es mal milde auszudrücken. Etienne Koechlin von der Ecole Normale Supérieure in Paris hat herausgefunden, dass unser Hirn sich nur zwei einigermaßen anspruchsvollen Aufgaben gleichzeitig widmen kann. Wobei „gleichzeitig“ streng genommen auch nicht zutrifft: Unser Hirn trifft Entscheidungen nur in Folge, muss Aufgaben nacheinander abarbeiten.
Doch gibt es immer wieder Kollegen, die behaupten, Multitasking sei doch überhaupt kein Problem. Nun, sie sind weder Cyborgs noch der nächste Schritt auf der Evolutionsleiter. Was sie unterscheidet, ist die Fähigkeit enorm schnell von Aufgabe A zu Aufgabe B umzuschalten. Wir alle legen die Informationen ruhender Aufgaben in eine Art Zwischenspeicher. Multitasker sind dabei schlichtweg in der Lage, diese Inhalte extrem schnell wieder hervorzurufen – und rasch umzuschalten.

Um dieses Umschalten beobachten zu können, betrachten Sie einfach einmal die optische Illusion „What’s on man’s mind“. Versuchen Sie, im Wechsel die nackte Frau und das Konterfei von Sigmund Freud zu sehen.

Genau das passiert beim Multitasking.
Laut Neurowissenschaftler Dr. Volker Busch funktioniert der Präfrontalcortex im Hirn wie ein Scheinwerfer. Er bestimmt unsere Aufmerksamkeit: „Ist es eine nackte Frau?“ oder „Ist es Freud?“
Durch die zunehmende digitale Ablenkung, so Busch, leiden wir Menschen des Digitalzeitalters ein wenig an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Wir können uns nicht einer Sache voll und ganz widmen.
Was also tun?

Jeder Trend hat seinen Gegentrend: Achtsamkeit

Während die einen Multitasking propagieren und so ADHS riskieren, konzentrieren sich andere sich voll und ganz auf eine Sache.
Statt also die Geschwindigkeit und Flüchtigkeit der digitalen Medienkultur mitzugehen, setzen sie bewusst auf Langsamkeit und Fokussierung. Kein Coffee to go, während man in der Bahn noch schnell die Unterlagen für das Meeting liest. Nur Kaffee. Sein Geschmack. Die Temperatur. Der Duft. Wie sich die Tasse anfühlt. Das Gefühl, wenn die Flüssigkeit die Lippen befeuchtet.
Unter dem Stichwort Achtsamkeit ist die Methodik auch außerhalb von Yoga-Klassen und Psychotherapiepraxen für Viele ein Weg, sich gegen schnelle Reizabfolgen zu wehren – eine Gegenbewegung zur Herausforderung des Alle-Informationen-Immer-und-Überall-parat-haben.

Letztlich wird sich wohl im Rückblick zeigen, ob der Mensch dem Multitasking gewachsen ist. Ob die Generation der Digital Natives, always on und medial dauerpräsent einfach so weitermacht. Oder ob es Folgen für die Psyche haben wird, die wir noch nicht absehen können. Im Sinne unserer Kinder wollen wir es nicht hoffen. Denn dass sich Evolution innerhalb einer Generation vollzieht, ist historisch gesehen ohne Präzedenz.

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